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Zur Person Historie Leben und Zeit Kolpings Werk

Die Person Adolph Kolping

Adolph Kolping jung
Text 1
Berufung und Pflichterfüllung
Gebet und Gottvertrauen
Praktische Nächstenliebe
Entfaltung eigener Kräfte und Fähigkeiten
Vorbild und Beispiel
 
Text 2
Lebensgrundsätze
Pflicht und Verantwortung
Engagement und Zielstrebigkeit
Gradlinigkeit
Gottvertrauen
Mitsorge und Anteilnahme
Offenheit und Aufgeschlossenheit
Lebensernst und Freude

 

Text 2

 

Lebensgrundsätze

"Grundsätze, Lebensregeln, an denen man wie an einer unabänderlichen Richtschnur fortschreitet, gehören durchaus zum Menschen."
An verschiedenen Stellen formuliert Kolping diese seine Überzeugung, daß der Mensch zur angemessenen und sinnhaften Gestaltung seines Daseins nicht auf die eigene Entwicklung von Lebensgrundsätzen verzichten darf. Gerade der junge Mensch ist im Prozeß des Erwachsen-Werdens, des Selbständig-Werdens gehalten und verpflichtet, einen "Lebensplan" zu entwickeln.

Einem Jugendfreund schreibt Kolping: "Es kann nichts Ernsteres und Wichtigeres geben, als eine Lebensrichtung zu begründen; von ihr hängt alles ab, des Menschen Glück und Unglück, sein Wohlbehagen, sein ganzer Gehalt und der Stand zur ganzen menschlichen Gesellschaft, wie auch die Erfüllung eines Berufes, der noch über alles dieses geht - ich meine die Bestimmung zu einer ewigen Seligkeit. Geht der erste Wurf fehl, faßt man das Leben an einer unrechten Seite auf, setzt man das minder Wichtige dem Wichtigen nach ... so ist viel, meist alles verloren."
Von besonderer Bedeutung ist hier, daß Kolping diese Entwicklung von Grundsätzen als ureigene Aufgabe des jungen Menschen sieht und betont. Gewiß sollen und müßten die in der persönlichen Entwicklung grundgelegten Einflüsse, gerade etwa durch das Elternhaus, ihre angemessene Berücksichtigung finden. Es kann aber nicht darum gehen, einfach etwas unreflektiert zu übernehmen. Notwendig ist in jedem Falle das eigene Bemühen, dieser Aufgabe und Verantwortung kann sich niemand entziehen. In diesem Zusammenhang sagt Kolping, daß man beim Begründen der Grundsätze nie vorsichtig genug sein könne und eine solche Sache mit aller Behutsamkeit angreifen müsse.

"Man sollte, ehe man sich auf etwas einließe, sich selbst kennen; ohne Selbstkenntnis ist die Mühe vergeblich, und der beste Rat, den ein anderer erteilt, geht nutzlos verloren. Der Mensch weiß es gewöhnlich selbst am besten, wenn er nur ein wenig über sich nachdenkt, was ihm zusagt, was ihm nützt."
Man darf nun nicht meinen, Kolping hätte sich mit der Forderung nach Grundsätzen begnügt, ohne zu diesem Punkt nähere inhaltliche Vorstellungen zu entwickeln. Kolping verzichtet, um es anders auszudrücken, nicht darauf, genau zu sagen, welches in seiner Sicht die richtigen Lebensgrundsätze sind bzw. worauf diese zu ruhen haben. Für den Christen Adolph Kolping ist es die Religion, die Fundament sowohl der persönlichen Lebensgestaltung wie auch des gesellschaftlichen Lebens insgesamt sein muß.

Entsprechend formuliert er mit einer Deutlichkeit, die keinen Zweifel aufkommen läßt: "Nur die Religion bildet den Menschen, und jede andere Bildung läuft auf nichts Haltbares, Dauerhaftes, wahrhaft Befriedigendes hinaus. Die Religion ist die höchste Gabe des Himmels. Durch sie ist der Mensch - Christ das, was er ist. Folglich gebührt ihr die größte Achtung, Unterwürfigkeit, Unterwerfung. Sie ist die Norm und Richtschnur des Handelns, der feste Grund jedes Wahren, Guten und Schönen."
An anderer Stelle heißt es: "Jedes Gute in der Welt hat seinen Grund in der Religion und ist meist nur durch sie gut. Nur die Religion ist der Anker, an dem alle Systeme, alle Meinungen und Sätze hängen müssen, nur sie ist die Quelle, aus der allein fruchtbare Wahrheit strömt, die uns geleitet zu unserer ewigen Bestimmung."

Pflicht und Verantwortung

"Wer die Herde annimmt, muß sie auf die Weide treiben, lieb oder leid."
In dieser kurzen Aussage Kolpings manifestiert sich ein stark ausgeprägtes Pflichtgefühl. Die Aufgaben, die man im Leben übernommen hat, und zwar in allen Bereichen, sei es in Familie, Beruf oder Gesellschaft, muß man nach besten Kräften zu erfüllen suchen, unabhängig davon, ob es einem nun immer recht ist oder nicht. In der Erfüllung dieser Aufgaben muß man, so Kolping, "nach keiner Mühe fragen."

Wenn Kolping so nachhaltig von Pflicht und Pflichtgefühl spricht, so schwebt dies keineswegs im "luftleeren Raum". Auch hier ist wiederum Kolpings religiöse Grundüberzeugung entscheidend. Er ist der festen Überzeugung, daß jeder einzelne von Gott auf einen bestimmten Platz im Leben gestellt ist, den er nach besten Kräften auszufüllen hat. Kolping schreibt einem Freund: "Überlege. lieber Joseph, was Gott wohl mit Dir vorhat und bestrebe Dich dann mit allen Kräften, seinem heiligen Willen nachzukommen. Das ist nämlich die nächste und wichtigste Aufgabe in dem Leben des Christen." Um einer Engführung vorzubeugen: Hier ist nicht bloß die berufliche Position im Blick, sondern das gesamte Dasein des Menschen in den vielfältigen Lebensbereichen.
An anderer Stelle schreibt Kolping: "Sehen Sie alles als einen Fingerzeig Gottes an, der die Geschicke des Menschen mit weiser Hand leitet - alles zur rechten Zeit. Oft trifft seine Anordnung mit unseren Wünschen zusammen, dann sollen wir Gott danken. Oft sind sie aber auch unseren Wünschen entgegen, und auch dann sollen wir als demütige, gehorsame Kinder die Vaterhand Gottes küssen." Sicherlich würde man Kolping mißverstehen, wenn man hier einen gewissermaßen fatalistischen Grundzug hineininterpretieren würde, so, als ob der Mensch alles, was auf ihn zukommt, einfach hinnehmen und ertragen müßte. Sehr wohl soll und muß sich der einzelne bemühen, aktiv sein Dasein zu gestalten, sehr wohl kann und darf er nach Veränderung seiner Verhältnisse streben; entscheidend ist nur, daß er sich immer wieder selbst die Frage stellt, ob das was er will und tut, auch wohl mit dem Wollen seines Schöpfers sich in Einklang befindet. Eben dies weist wiederum, wie bereits beim Stichwort "Lebensgrundsätze" angesprochen, auf die Eigenverantwortlichkeit des Menschen hin.

Eben diese Verantwortlichkeit ist hier besonders zu betonen. Letztlich ist, unbeschadet aller vorgegebenen Faktoren, aller Zwänge und aller vermeintlichen oder tatsächlichen Machtlosigkeit der einzelne für sein Leben verantwortlich. Er kann diese Verantwortung also nicht abschieben an die Gesellschaft oder an wen auch immer. Gerade heute scheint dieser Gedanke aktuell, sind wir doch sehr leicht geneigt, diese persönliche Verantwortung für das eigene Leben gegenüber vermeintlich allmächtigen gesellschaftlichen Einflüssen und Bedingtheiten in den Hintergrund treten zu lassen. Im übrigen betont Kolping immer wieder, daß Gott zwar vom einzelnen Rechenschaft fordert und ihm unter Umständen erhebliche Mühen in der Bewältigung seines Daseins auferlegt, daß er auf der anderen Seite aber auch ausreichende "Hilfsmittel" bereitstellt, um das Leben meistern zu können. In diesem Sinne heißt es: "Also nur guten, fröhlichen und frischen Mut, und wenn das Stück Arbeit auch noch so riesig aussehen sollte. Der große Gott, der die hohen Alpen aufgetürmt hat, der das ungeheure Weltmeer ausgegossen, hat auch die Pfade gezeigt, die über die Berge führen, und das Holz leicht gemacht, daß es auf dem Wasser schwimmt, und Wind dazu, daß man rund um die Erde segeln kann." Freilich wird mit gleicher Deutlichkeit betont, daß für den Christen das irdische Leben eben nur ein "Durchgangsstadium" ist, aber kein in sich gründender und endender Selbstzweck. "Drüben ist unsere wahre Heimat. Wir gehen gleichsam in die Schule, um ein anderes, besseres Leben kennen und verdienen zu lernen."

Engagement und Zielstrebigkeit

"Mich spricht jetzt das praktische Leben immer mehr an. Tätigkeit allein kann mich befriedigen, und zwar solche, die auch etwas zum Besten der Menschheit bezweckt." Kolping war stets ein Mann der Tat, rastlos getrieben von dem Wunsch, etwas für den anderen zu tun. Der tüchtige Christ konnte sich für Kolping nicht damit zufrieden geben, die eigene Lebensgestaltung aus einem verengten Blickwinkel heraus unter das Motto "Rette deine Seele" zu stellen. Christsein mußte sich für Kolping im konkreten Tun manifestieren, im Tun für die Welt, für den anderen. Kennzeichnend ist für diese Einstellung, wenn Kolping nach einer gerade eben überstandenen schweren Krankheit schreibt: "Drücken Schandtaten zwar nicht nieder, so erheben doch auch noch keine Großtaten für Gott und den Bruder. Die Ruhe im Sterben besteht im Bewußtsein, gut gehandelt zu haben, und zwar so viel und in dem Maße, was man gekonnt hat. Mit welcher Freude würde ich gestorben sein, hätte ich vieles, recht vieles Gute auf Erden unter den Menschen vollbracht. Eines jeden Leben ist voll Gelegenheiten, Gutes zu tun. Man sieht es nur gewöhnlich nicht eher ein, als bis es zu spät ist. Worte und Empfindungen sind gut, aber sie wiegen die Taten nicht auf".

Ein bestimmender Zug in Kolpings Person und Leben ist die Konsequenz in der Zielverwirklichung, sein totales Engagement ist die als richtig und notwendig erkannte Sache, seine Hingabe für die selbst gestellte oder übernommene Aufgabe, bis hin zur Rücksichtslosigkeit gegenüber der eigenen Person. Kolping hatte in seinen verschiedenen Tätigkeitsfeldern Ansatz und Gelegenheit genug, diese Zielstrebigkeit zu verwirklichen. Ohne seinen Einsatz im angedeuteten Sinne hätte er sein Werk mit Sicherheit nicht so aufbauen können, wie er es bei seinem Tode hinterließ. In seinem kompromißlosen Engagement war Kolping ein für seine Mitmenschen natürlich nicht unbedingt einfacher, leicht zu "nehmender" Partner. Wer ihn aber kannte, der verstand, daß dieser Mann nicht anders handeln konnte. In einem Beschwerdebrief des jungen Kaplans Kolping an das Generalvikariat in Köln heißt es in kennzeichnender Weise: "Ich will aufrichtig, was die Kirche will, das aber auch ohne Menschenfurcht, selbst auf die Gefahr hin, bisweilen, wenn das Gewissen stärker ruft als das Herz, anzustoßen." Zeit seines Lebens ist Kolping an den verschiedensten Stellen "angeeckt", was ihn in seinem Engagement freilich nicht wankend machen konnte, ihn vielmehr nur bestärkte auf dem als richtig und notwendig erkannten Weg.

Anzusprechen ist in diesem Zusammenhang auch Kolpings Fähigkeit, die eigenen Möglichkeiten realistisch einzuschätzen und die vorhandenen Kräfte konzentriert einzusetzen. Wenn sich Kolping zum Beispiel insbesondere dem Gesellenstand zuwandte, wohl wissend, daß auch andere gesellschaftliche Gruppen dringend der Hilfe bedurften, so ganz einfach deshalb, weil er klar erkannte, daß er mit seinen Möglichkeiten nur in einem bestimmten Felde würde erfolgreich arbeiten können und daß ein gleichzeitiges Angehen der verschiedensten Aufgaben und Probleme lediglich zu einer Verzettelung der Kräfte führen würde und damit letztlich erfolglos bleiben müßte. Im übrigen konnte die Einsicht in die Unzulänglichkeit der eigenen Mittel Kolping niemals zur Resignation veranlassen. Immer wieder wandte sich Kolping energisch gegen den Verzicht auf das eigene Engagement, der mit der vermeintlichen Ohnmacht begründet wurde. In seiner Sicht konnte jeder, auf welchem Platz auch immer, seinen Teil zur Prägung und Veränderung der Welt beitragen. Nur von einem solchen Ansatz aus konnte Kolping formulieren: "Tue jeder in seinem Kreis das Beste, dann wird's auch bald in der Welt besser aussehen."

Gradlinigkeit

"Zum Schmeicheln habe ich das Zeug nicht, zum Wahrheitsagen den Beruf." In der Tat war Kolping, wenn man seine eigenen Schriften liest und den Berichten der Zeitgenossen Glauben schenkten darf, kein Mann der hohlen Worte und Phrasen, viel eher jemand, der im Regelfalle sehr deutlich das sagte, was er dachte, der den anderen nicht im Zweifel darüber ließ, was von ihm gehalten und/oder erwartet wurde. Galt dies schon ganz allgemein, so erst recht in freundschaftlichen Verhältnissen; Kolping sah einen wichtigen Aspekt der Freundschaft gerade in der Möglichkeit, dem anderen ganz offen und ungeschminkt zu begegnen. "Deswegen sind wir erst eigentlich Freunde, daß wir uns gegenseitig nicht nur die Zeit vertreiben und aufheitern, sondern auch in ernsten Stunden dichter aneinanderreihen, einer dem anderen seine Ansichten und Meinungen unverhohlen, treu und gewissenhaft mitteilt." Natürlich war diese Offenheit Kolpings nicht unbedingt dazu angetan, ihm nur Freunde zu verschaffen. Kolping konnte dies freilich in seiner Grundüberzeugung, daß offenbar Freimut keiner Sache schaden könne, nicht beirren.

Die genannte Eigenschaft hängt sehr eng zusammen mit der inneren Einstellung der eigenen Person und Bedeutung gegenüber. "So einen wie mich kann der Herrgott alle Tage haben.", schrieb Kolping einmal auf einen Hinweis, daß man wegen seiner Bedeutung für den Gesellenverein um sein Leben gefürchtet habe. Es wäre zu wenig, hier von einer einfachen "Bescheidenheit" zu sprechen. Kolping wußte sehr wohl um seine Bedeutung, von seiner religiösen Grundüberzeugung her kam er nur nie in Gefahr, die eigene Leistung zu überschätzen, weil er sich immer der Tatsache bewußt war und blieb, daß er ohne Gottes Willen und Beistand nichts, aber auch gar nichts hätte erreichen können. "Unser Herrgott hat mich nie nötig gehabt, das ist ganz gewiß. Und zum Gesellenvater hätte er jeden anderen machen können, wenn er gewollt."

Eine solche innere Einstellung, verbunden mit der oben skizzierten Direktheit, konnte Kolping sehr gut davor bewahren, sich zu viel aus dem zu machen, was andere von ihm dachten und sagten. Kolping geriet nie in die Gefahr, um der persönlichen Anerkennung willen mit seinen Ziele oder Meinungen hinter dem Berge zu halten, und er war "souverän" genug, um sich mitunter über bestimmte Seiten eines gewissen Personenkultes zu mokieren. "Was die Leute sagen? Nun, laß sie sagen, was sie wollen. Der Lobhudelei bin ich satt, daß sie mir hoch im Halse steht; der ewige Trödel mit meiner Person ekelt mich an; und wenn sie mich ausschimpfen, wo ich's nicht verdient habe, frage ich nichts danach."

Gottvertrauen

Kolpings Religiosität ist prägende Grundlage seiner gesamten Persönlichkeit, seines gesamten Wollens und Handelns. Sie kann deshalb nicht als einzelner Punkt hier behandelt werden, sondern wird immer wieder in den verschiedensten Zusammenhängen deutlich. Besonders hervorgehoben werden soll an dieser Stelle nur Kolpings schier unermeßliches, für uns heute fast unfaßbares Gottvertrauen.

"Ich will nicht klagen, will vielmehr auf Gott hinsehen und auf ihn vertrauen, der dem redlichen Willen nie seine gnädigste Hilfe versagt." Eine solche Aussage Kolpings ist durch und durch ernst gemeint. Kolpings Gottvertrauen ging so weit, daß er bestimmte Vorhaben für den Gesellenverein angehen konnte, ohne sich vorher nach allen möglichen Richtungen hin abgesichert zu haben, einfach in der Überzeugung, daß er bei seinem Eintreten für die gute Sache nicht "allein gelassen" würde. "Haben wir nur guten Mut und Gottvertrauen, dann werden wir sicher nicht zu Schanden. Wie übel wären wir daran, wenn unsere Hoffnung auf Menschen ruhte."

Kolping zeigte sich immer wieder "durchdrungen von der Überzeugung, daß buchstäblich kein Haar von unserem Haupte fällt ohne den Willen unseres Vaters im Himmel." Kolping ist sich absolut sicher in dem Wissen um das Getragensein von der Hand des Vaters, und eben dieses Wissen gibt ihm überhaupt erst die Fähigkeit und die Kraft, sein Leben und sein Werk mit der Entschlossenheit und Hingabe zu gestalten, von der die Rede war. Hier spielt auch Kolpings Vertrauen an die Macht des Gebetes eine zentrale Rolle. "Mit dem Beten, und mag es auch noch so mangelhaft gewesen sein, habe ich noch immer mehr ausgerichtet als mit allem irdischen Sorgen und Abmühen. Das sage ich Ihnen so im Vertrauen, damit Sie auch ein rechtes Vertrauen fassen und in allen Dingen den lieben Gott nur walten lassen. Endlich geht durch Gottes Hand alles besser als ich und Sie und wir alles es nur machen können." Kolping differenziert im übrigen sehr deutlich. Das Vertrauen in die Macht des Gebetes kann für ihn nicht Argument für den Verzicht auf eigenes Tun sein! "Da, wo ich durch eigene Tätigkeit und Anstrengung das. was ich für gut oder wünschenswert halte, erreichen kann, ist mein Gebet in der Regel sehr kurz und bündig. Die Sache wird Gott befohlen. Gelingt sie, gut, gelingt sie nicht, von Neuem angesetzt. Und will sie Gott nicht, auch gut, denn er will's dann nicht haben. Basta! Aber wo ich eigentlich nichts direkt tun kann, z. B. Leiden und Unglück von denen fernhalten, die meinem Herzen nahestehen, da wird gebetet, und zwar so recht eigentlich ohne Unterlaß. Ich weiß aus Erfahrung, wie weit man damit reichen kann."

Mitsorge und Anteilnahme

Wenn man Kolpings Briefe studiert, wird man immer wieder feststellen, in welch starkem Maße Kolping Anteil am Geschick derjenigen Menschen nahm, mit denen er es zu tun hatte, mit denen er in irgendeiner Weise verbunden war. Auch noch so große eigene Bedrängnis konnte ihn nicht davon abhalten, dieses Mitsorgen und Mitleiden dem anderen gegenüber in Schrift oder Tat auszudrücken. Einer von einem Unglücksfall betroffenen Familie schrieb er: "Wie gern wäre ich jetzt in Ihrer Nähe, um Ihnen Beistand und Trost zu reichen, so viel ich nur vermöchte! So schreibe ich Ihnen denn sofort wenigstens ein paar Zeilen, damit Sie sehen, daß ich auch in der Ferne den herzlichsten und innigsten Anteil an allem nehme, was Sie, was Euch alle betrifft." An anderer Stelle schreibt er an einen Freund, dessen Frau schwer krank ist: "Sage Antonie, ich betete unablässig für sie und bäte sie nur brüderlich, rechtes Vertrauen auf Gott zu behalten, der schlägt und heilt zu seiner Zeit. Alles, was sie wünsche und verlange, daß ich für sie tun solle, wollte ich gerne übernehmen."

Kolpings Anteilnahme wirkt nie gekünstelt oder aufdringlich, sie kommt aus ehrlichem Herzen, aus dem ehrlichen Bestreben, für den anderen mit da zu sein. Auch hier ist Kolping konsequent; auch hier geht er den für richtig erkannten Weg unter Hintansetzung persönlicher Interessen und Bedürfnisse. Beispielhaft wird dies deutlich, wenn er während seiner Kölner Schulzeit einen ehemaligen Mitgesellen, der an den Pocken erkrankt ist, ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit und seine schulischen Verpflichtungen pflegt, wodurch er sich erhebliche Nachteile einhandelt. Deutlich wird dies auch, wenn er zum Beispiel kurz nach dem Beginn seiner Tätigkeit in Köln während einer Choleraepidemie viele Wochen hindurch die Kranken pflegt und betreut und dadurch letztlich den Aufbau seines ganzen Werkes in Frage stellt.

Leben und Wirken Kolpings können durchaus, ohne in irgendwelche Glorifizierungen zu verfallen, als "Modell" praktizierter Nächstenliebe gekennzeichnet werden. Dabei ist wichtig, daß Kolping immer dort zum Engagement bereit ist wo er gebraucht wird. Für ihn ist der Nächste wirklich immer gerade der, der im Moment seiner Hilfe bedarf; er macht keine Unterschiede im Ausmaße seiner Hilfsbereitschaft, wählt sich den Nächsten nicht gewissermaßen nach eigenen Vorlieben aus. Kolping verfällt auch nicht der gerade heute aktuellen Gefahr, vor lauter Sorge um die großen Weltprobleme die ganz unmittelbaren, scheinbar kleinen Anforderungen der ganz konkreten Umwelt in den Hintergrund zu drängen, sich gewissermaßen am "Fernsten" zu orientieren, weil der "Nächste" zu unbequem oder zu schwierig ist. "Wer immer weit vor sich vorausschaut, kann nicht auf das gehörig acht geben, was vor ihm liegt." Auf der anderen Seite hat Kolping freilich auch einen offenen Blick für größere Zusammenhänge und Problemfelder. Gerade Kolping war es, der, was zu seiner Zeit noch keineswegs selbstverständlich war, sehr energisch die umfassende Weltverantwortung des Christen betont hat, der immer wieder hervorhob, daß es für den Christen keine, aber auch wirklich keine Entschuldigung für ein fehlendes Mittun an der Gestaltung der Welt geben könne.

Die aktive Teilhabe am Geschick des anderen war für Kolping keine einseitige Angelegenheit. Gerade das freundschaftliche Verhältnis sah Kolping als echte Partnerschaft, wo auch die Möglichkeit bestehen mußte, die eigenen Freuden und Leiden dem anderen mitzuteilen, ihm mit Sorgen und Problemen zu "behelligen". Wenn Kolping in seinen Briefen immer wieder auf die eigenen Probleme zu sprechen kommt, so eben aus diesem Ansatz heraus. Einem Jugendfreund teilt er mit: "Ich schreibe Dir da etwas, das eigentlich gar nicht zu Dir paßt, was ich für mich selbst behalten sollte. Aber da Du mein Freund bist, im vollen Sinne des Wortes bist, so mußt Du auch einmal zuhören, wenn ich meinem stillen Ärger Luft mache."

Offenheit und Aufgeschlossenheit

Einem Mitbruder im Präsesamt, der sich an Kolping mit der Frage wandte, was er denn den Vereinsmitgliedern anbieten solle, gab Kolping zur Antwort, er möge sich doch eine geraume Zeit ganz unbefangen unter den Gesellen bewegen und deren Situation kennenlernen, dann würde er wie von selbst wissen, was sie bedürfen und woran sie Interesse hätten. Kolping war stets aufgeschlossen für neue Erfahrungen und Eindrücke, für gewandelte und sich wandelnde Gegebenheiten und Bedingtheiten. Seine lebendigen Reiseschilderungen geben davon ebenso Zeugnis wie sein Wirken im Gesellenverein. Das, was an anderer Stelle zur kritischen Distanz gegenüber "Systemen" mit ihren Gefahren der Schematisierung und Vereinfachung gesagt wird, spielt hier eine wichtige Rolle. "Erziehung ist Leben und setzt Leben voraus", schrieb Kolping einmal, "und wenn das Leben auch Gesetze und Regeln hat, so sind doch alle Gesetze und Regeln das Leben nicht."

Kolpings Offenheit und Aufgeschlossenheit schließt die Fähigkeit und Bereitschaft ein, immer wieder zu lernen, sich neuen Erfahrungen zu stellen. Dazu gehört auch das Ernstnehmen des Menschen in seinen Interessen und Bedürfnissen, wie es sich vor allem in Kolpings Praxis im Gesellenverein zeigte, wo immer wieder betont wurde, wie wichtig es sei, die gesamte Arbeit so anzulegen, daß dem anderen Hilfe zur Selbsthilfe zuteil wird und daß er nicht zum bloßen "stummen Objekt" eines einseitigen Entwicklungs- und Erziehungsprozesses wird. Freilich müssen hier auch bestimmte "Grenzen" deutlich gemacht werden: Offenheit und Flexibilität im angedeuteten Sinne einerseits und der Ausgang von klaren und festen Grundpositionen andererseits waren für Kolping keine sich ausschließenden oder konkurrierenden Alternativen. Kolping hat niemals darauf verzichtet, von seinen klaren religiös-weltanschaulichen Grundlagen aus die erfahrene und erlebte Wirklichkeit kritisch unter die Lupe zu nehmen und auch sehr deutliche positive oder negative Urteile zu fällen. Ebenso konnte ihn das durchaus ernstgenommene Bemühen um das Ernstnehmen des anderen nicht daran hindern, diesem anderen gegenüber auch sehr deutlich bestimmte Aufgaben und Notwendigkeiten, Mängel oder Defizite bezüglich der je konkreten Einstellungen und Verhaltensweisen hervorzuheben. Widersprüchlich oder unverständlich kann dies nur dem erscheinen, der Aufgeschlossenheit mit Kritiklosigkeit und Toleranz mit Standpunktlosigkeit verwechselt. Für Kolping war es durch und durch legitim und selbstverständlich, sehr hart gegen nach seiner Auffassung falsche oder gefährliche Meinungen und Verhaltensweisen ins Feld zu ziehen. Der Kampf gegen den Irrtum konnte freilich nicht bedeuten, den irrenden Menschen zu verdammen oder ihm das Recht zum Irrtum abzusprechen. Genau diese Differenzierung ist den Menschen zu allen Zeiten sehr schwer gefallen; in Kolpings Schriften und in seinem Handeln spüren wir jedoch das stete Bemühen um den je richtigen Weg.

"Mancher ist zum Diebe, zum Spitzbuben und Schuft geworden, weil die Leute ihn dafür hielten und ihn demnach behandelten, bevor er es war." Auch dieser Gedanke Kolpings verdient Beachtung. Er kennzeichnet Kolpings Bemühen um Vorurteilslosigkeit dem anderen Menschen gegenüber. So wenig er sich scheut, die Dinge beim Namen zu nennen, tut er dies doch erst, wenn er sich seiner Sache sicher ist. Auch hier, wie überall sonst, schlägt Kolpings religiöse Grundhaltung durch: Am kompromißlosen Eintreten für die eigene Sache ("Im Christentum gibt es keine Toleranz zwischen Gutem und Bösem") werden keine Abstriche gemacht: "Wer das Christentum nimmt, der muß es ganz ungeteilt nehmen, der darf kein Tüttlein verschmähen von dem, was dazu gehört, und, bei Licht besehen, gehört so ziemlich alles dazu." Zugleich aber gehört auch im Gegner zuerst und vor allem der Mensch gesehen, der Bruder in Christus, der Anspruch darauf hat, in seiner Person ernstgenommen zu werden ("Verspotte und verachte keinen Menschen, der einen anderen Glauben hat als Du"), dem man mit pauschalen Urteilen und vorschnellen Verurteilungen nicht gerecht zu werden vermag. "Gott hat mit dem irrenden Menschen ein unendliches Erbarmen. Weil Gott so barmherzig ist, sollen wir es an Barmherzigkeit nicht fehlen lassen. Wo Gott selbst den Maßstab anlegt, da geziemt es dem Menschen nicht, anderes Maß zu gebrauchen."

Lebensernst und Freude

"Nach den Lehren des Christentums ist dieses Leben eine Vorbereitung auf eine anderes, besseres. Demnach ist hier für uns nicht des Bleibens, des Genießens, des Großtuns, des Prahlens, der Lust, der Freude; hier sind wir nicht, um uns zu schmücken, um uns gemächliche Tage zu verschaffen und in Lust und Freude zu schwelgen; nein, nein, wir sollen wirken, arbeiten, aufhäufen - und was? Taten, die uns drüben nützen, Taten, die uns Tür und Riegel öffnen, die unseren moralischen Wert bekunden, die uns wirklich zu würdigen Mitgliedern der menschlichen, mehr noch der christlichen Gesellschaft machen." An der Ernsthaftigkeit dieser Kolpingschen Aussage kann man nicht zweifeln. Und doch würde man ihm nicht gerecht, wollte man nur diese eine Seite sehen, dieses Betonen von Aufgaben, Verantwortlichkeiten und Pflichten des Menschen gegenüber seiner höheren Bestimmung. Wer Kolpings Briefe etwa aufmerksam liest, wird an zahllosen Stellen einen gesunden Humor ebenso finden wie den Ausdruck unverfälschter, echter Lebensfreude. Ob Kolping sich aus München ein Faß Bier schicken läßt, ob er in einem langen Brief seiner Freude über einen Hasen Ausdruck gibt, den ihm ein Freund als Jagdbeute zugeschickt hat, oder ob er sich in feiner Selbstironie mit den Schwierigkeiten auseinandersetzt, das Rauchen aufzugeben - Kolping war kein Mensch, der "hocherhaben" über allen irdischen Dingen stand oder stehen wollte.

Kolping verstand es, Lebensernst und Freude harmonisch miteinander zu verbinden, weder dem einen noch dem anderen Aspekt eine unangemessene Übergewichtigkeit zu geben. Gerade seine Praxis im Gesellenverein machte dies deutlich, wo er ja immer wieder betonte, wie wichtig für die jungen Menschen die Geselligkeit sei, die Möglichkeit also, sich im zweckfreien Tun und Miteinander zusammenzufinden, zu entspannen, neue Fähigkeiten zu entwickeln und neue Kräfte zu sammeln. "Erholung und Erheiterung aber ist ein so natürliches Erfordernis des Lebens, das im Grunde kein Mensch entraten kann noch soll. Die Freude verbieten wollen, hieße, das gesunde Leben krank machen, das kranke vollends töten. Wenn es Menschen gibt, die gegen die Lebensfreude überhaupt eifern, denen das Jammertal der Erde noch nicht jämmerlich genug erscheint, so tut gerade niemandem die Freude mehr not als ihnen, um wieder Mensch unter Menschen zu werden." Im übrigen ist festzuhalten, daß gerade dieser Aspekt des Kolpingschen Wirkens, eben die Einbeziehung der Geselligkeit in das Vereinsleben, Kolping sehr heftige Kritik eintrug, wodurch er sich freilich in seiner Konzeption nicht beirren ließ: "Ohne Freude, ohne Erheiterung kann das Menschenherz nicht sein, am wenigsten in der Jugend; im Vereinsleben gebührt ihr eine wesentliche Stelle."

Auch hier gilt aber das Eingebundensein Kolpingscher Konzeptionen und Auffassungen in die grundlegenden religiös-weltanschaulichen Überzeugungen. Auch das Thema Geselligkeit und Freude kann für Kolping deshalb nicht "wertfrei" angegangen und behandelt werden; auch hier ist in seiner Sicht der kritische Blick erforderlich, die sehr sorgfältige Beurteilung dessen, was man tun kann und tun will und tun soll. Zusammenfassend heißt es: "Eine wahrhaft menschliche Freude gibt es gar nicht, wenn nicht in diese Freude hinein das allein beseelende Licht des Evangeliums hineinscheint und dem Menschlichen den höheren Geist verleiht. Darum ist das Christentum so gerne auch bei der menschlichen Freude zugegen, wahrlich nicht, um sie zu stören, nur um sie zur wahren menschlichen, d. h. auch im irdischen Leben christlichen Freude zu erhöhen."